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Fantastisches Feedback und wo es zu finden ist

Testleser sind die Generalprobe für deine Texte

Wer schreibt, der öffnet einen Teil seiner Seele. Es ist nun einmal so, mit jedem Wort, was wir von uns geben, zeigen wir wer wir sind. Wir machen unsere Identität, unsere Gedanken sichtbar. Nicht jeder Autor ist dafür bereit und es ist absolut in Ordnung, nur für sich zu schreiben. Schade ist es trotzdem, denn wahrscheinlich bleiben die schönsten Geschichten so unter Verschluss. Was wäre nur gewesen, wenn Shakespeare, Goethe, Hoffmann oder Austin niemals veröffentlicht hätten? Was für eine traurige Welt hätten wir jetzt, ohne diese ganzen großartigen Geschichten, die uns zum Lachen, zum Weinen oder zum Gruseln bringen? Aber lassen wir das.

Du hast etwas geschrieben und jetzt möchtest Du auch gelesen werden. Gut so, richtige Entscheidung! Bevor Du zum Selfpublisher wirst, solltest du zumindest mal eine Testrunde gelaufen sein. Leser können grausam sein, insbesondere in Zeiten von Onlinebewertungsportalen. Hier gilt definitiv die Prämisse: Veröffentliche niemals einen ersten Entwurf! Niemals, ehrlich nicht! Es sei denn, Du stehst insgeheim darauf, von einer Meute anonymer Leser zerfleischt zu werden. Keine Wertung, denn jeder hat wohl einen skurrilen Fetisch in sich versteckt schlummern, die meisten Schreiber finden eine öffentliche Onlinehinrichtung jedoch wohl eher nicht so erstrebenswert.

Vorher solltest Du Dir Gedanken machen, was Dich als Leser am meisten aufregt, wenn du Geschichten liest.

1. Rechtschreibung und Grammatik!

Ja, ich gebe es zu: ich bin ein Grammar Nazi. Nichts regt mich mehr auf, als ein Text, der vor Fehlern nur so wimmelt. Die meisten Fehler sind echt nur aus reiner Bequemlichkeit. Zum Beispiel gibt es auf duden.de die beste Rechtschreibprüfung für deutschsprachige Texte im gesamten Internet. Sicherlich ist es aufwendig, aber es lohnt sich.

2. Unfassbar schlechte Interjektionen und lol gg

Nehmen wir mal Beispiele aus der Erotik. Hier gibt es WWW so unfassbar viel Schlechtes zu lesen. Am Schlimmsten von allen Geschichten finde ich die sehr beliebte Beschreibung von Orgasmen.

Charakter 1 spürte, wie er kam.

»Ich komme«, sagte er zu Charakter 2 unter ihm,

»aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah«

(aus so ungefähr 90 % aller gelesenen Erotikgeschichten)

Wenn ich so was lese, dann weiß ich nicht, wie ich mich fühlen soll. Ich möchte lachen, schreien und weinen gleichzeitig. Ein Wechselbad der Emotionen ist ja generell nichts Schlechtes, in diesem Fall allerdings schon. Es gibt übrigens auch gute Erotik. Diese Szenen bestehen aus Show, don’t tell, regen die Fantasie des Lesers an und knallen dir den Höhepunkt nicht mitten ins Gesicht, wie ein billiger Amateurporno.

So Sachen wie lol oder gg haben meiner Meinung nach in einem guten Fiction-Text ebenfalls nichts verloren, es sei denn, die Geschichte ist Ende der 90er Jahre gesetzt und es wird ein Chatverlauf originalgetreu wiedergegeben. Ansonsten verrät der oder die Autor*in mit lol, gg und – noch schlimmer – rofl nur, dass er oder sie viel Zeit in den frühen 2000er Jahren auf ICQ verbracht hat.

3. Alliterationen und co

Eine gute Sprache ist für mich essenziell. Ich spüre sofort, wenn der/die Autor*in einen Stil wählt, der für sie oder ihn unnatürlich ist. Die Sprache ist gestelzt. Besonders rolle ich mit den Augen, wenn alle rhetorischen Figuren aus dem Deutsch LK oder dem Germanistik Bachelor auf einmal untergebracht werden müssen. Vom Text gehen viel Natürlichkeit und Leichtigkeit flöten und anstatt besonders literarisch zu klingen, wirkt das Geschriebene auf mich schnell albern. Meine meist gehasste rhetorische Figur in Romanen und Kurzgeschichten ist die Alliteration. Sarah sagt saure Sahne. S(chn)auze, Sarah!

Natürlich sind rhetorische Figuren wichtig, aber meiner Meinung nach sollten sie auch sinnvoll eingesetzt werden und den Text unterstützen, anstatt ihn aufzublähen. In ironisch geprägten Texten kann mir auch mal eine Alliteration gefallen, in den meisten Fällen finde ich sie vermeidbar und überflüssig, insbesondere dann, wenn sie mich aus dem Lesefluss rauswirft.

Mutig sein und Testleser finden!

Die meisten Autor*innen, die ich kenne, sind unsicher und haben Angst vor der Reaktion der anderen. An uns nagen die Selbstzweifel. Bin ich gut genug? Kann ich das überhaupt? Werde ich ausgelacht?

Die schlechte Nachricht zuerst: Nicht jeder wird Deine Geschichten toll finden! Du wirst Kritik bekommen. Manches wird sehr hilfreich sein, manches wiederum nur aus Einzeilern („So’n Schrott!!!!“1“) bestehen. Das liegt in der Natur der Sache, denn Du findest schließlich auch nicht alles gut, was Dir auf den E-Reader geschwemmt wird, oder?

Aber, und hier kommen wir zur guten Nachricht, auf jeden Leser, der mit Deinem Text nichts anfangen kann, kommen zwei, drei, fünf, zehn Leser, die ihn lieben werden.

In den letzten zwanzig Jahren (ja, so alt bin ich schon!) habe ich viel in Tageszeitungen, Magazinen und Online-Plattformen veröffentlicht, das Meiste davon waren journalistische Texte, trotzdem habe ich immer noch Angst, meine Sachen einem breiten Publikum vorzustellen. Es ist dieser Zwiespalt; ich möchte gelesen werden und ich möchte nicht gelesen werden. In den vergangenen Wochen bin ich für meine Verhältnisse sehr mutig geworden. Wie ich bereits in mehreren Beiträgen schrieb, mache ich seit Anfang des Jahres die Creative Writing Specialization von der Wesleyan University auf Coursera mit und ein ganz wichtiger Teil ist es, kleine Texte zur Kritik durch Kommilitonen freizugeben. Das Ganze ist noch nicht mal sehr anonym, denn der eigene Name prangt immer oben drüber. Die ersten zwei, drei Texte waren deshalb eine ziemliche Überwindung für mich, aber schnell habe ich dort ein paar richtig tolle Mitmenschen getroffen, die mir wirklich hilfreiches Feedback gegeben haben, das meine Texte verbessert.

Die eigenen Werke von befreundeten Autoren gegenlesen zu lassen, ist ein prima Weg um erste Reaktionen einzuholen. Das Schöne daran ist, dass Du auch gleich Hilfestellungen bekommst, wie Du bestimmte Passagen verbessern kannst. Besonders interessant ist es, dass ich bei Szenen, die als besonders gelungen betrachtet habe, häufig feststellen musste, dass der/die Leser*in davon teilweise verwirrt ist und es ganz anders interpretiert hatte, als ich ursprünglich in meinem Kopf hatte. Wiederum bei Texten, die ich im Grunde gar nicht gut fand und mich auf ellenlange Berichtigungen gefasst machte, bekam ich das überschwänglichste, positivste Feedback.

Die Chemie muss natürlich stimmen. Wenn jemand mit Deinem Stil nichts anfangen kann oder Dein Genre einfach nur langweilig findet, dann nutzt es nichts, ihm oder ihr Deine mit Herzblut verfassten Texte zu schicken, denn da kommt nichts bei rum. Anderseits musst Du Dich konstruktiver Kritik auch öffnen wollen, wenn Du nur hören möchtest, wie einzigartig und toll Du bist, solltest Du besser nur Deine Mutter fragen.

Um Autoren zu finden, die so ticken wie Du, musst Du dorthin gehen, wo die Autoren sind. Twitter ist meine erste Wahl, hier habe ich schon eine ganze Reihe sehr netter Schreiberlinge jeder Couleur kennengelernt und die Unterstützung ist großartig. Autorencommunitys wie schreibnacht.de und scribophile.com (Englisch) sind hierfür ebenfalls sehr wichtig.

Natürlich musst Du Dich nicht vernetzen, wenn Du es nicht willst. Für mich persönlich ist es wichtig, da ich mich wohler fühle mit Menschen, die ähnlich ticken wie ich. Es beruhigt mich, dass ich nicht die einzige mit bestimmten Problemen im kreativen Prozess bin. Ich kann es deshalb nur empfehlen.

Ich bin neugierig: vernetzt Du Dich gerne und hast Du schon befreundete Autoren, mit denen Du Dich über Deine Texte austauschst? Oder bist Du eher ein Lonely Wolf?

Bis bald, eure natasha ❤

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